Afrika-Brief Tunesien 15.11.2011

Tourismuszahlen wieder positiver

Club Med gibt sich hinsichtlich des diesjährigen Ergebnisses in den nordafrikanischen Ländern optimistisch. Trotz eines Umsatzrückgangs von € 20 Mio. in Marokko, Tunesien und Ägypten in der ersten Jahreshälfte 2011 glaubt die Unternehmensleitung an eine gute Wintersaison in der Region. Auch die offiziellen Zahlen scheinen diesen Trend zu unterstreichen. Laut Tourismusministerium konnte Tunesien im September 2011 mehr Touristen begrüßen als im Vergleichsmonat des Vorjahres.

Tunesiens Wirtschaft erholt sich nur langsam

Die Erholung Tunesiens Wirtschaft wird sich entgegen den offenbar zu optimistischen Erwartungen im zweiten Quartal 2011 verzögern. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für 2011 nur noch ein Nullwachstum, im April 2011 hatte die Finanzinstitution noch mit einem Plus von 1,3 % gerechnet. Besser fallen die Prognosen des Wirtschaftsdienstes Economist Intelligence Unit aus, er rechnet zumindest mit einem Wachstum von 0,7 %. Für 2012 erwarten IWF und EIU hingegen wieder ein stärkeres Wachstum der Wirtschaftsleistung von 3,9 % beziehungsweise 3,0 %.

Dabei ist die Erholung der Wirtschaft nach den schweren Einbrüchen durch die Revolution zunächst zügig erfolgt. Tunesien hatte im ersten Halbjahr 2011 in hohem Maße von der gestiegenen Nachfrage für Textilien, Kfz-Teilen und Elektronikbausteinen in Europa profitiert. Die Hausse bei der Export-Nachfrage verlangsamt sich aber angesichts der eingetrübten Konjunkturaussichten in Europa.

Auch bei den ausländischen Direktinvestitionen gab es Rückgänge, die mit der Zeit stärker ausfielen, als es noch im Juni erwartet worden war. Im September lag das Minus bei der Investitionssumme gegenüber dem Vorjahr bei 21,6 %. Trotz spürbarer Verbesserungen treten wilde Streiks und Betriebsbesetzungen weiterhin auf, dies vor allem im Phosphatabbau und in der Öl- und Gasindustrie. Der Rest der exportorientierten Industrie ist von sozialen Protesten oder verschlechterten Rahmenbedingungen aber weitaus weniger betroffen. Er konnte in den ersten acht Monaten gegenüber dem Vergleichszeitraum 2010 seine Ausfuhren um 18,4 % steigern.

Dank guten Wetters entwickelt sich auch die Landwirtschaft gut; sie soll in diesem Jahr um 5 % wachsen. Eine Erholung, wenn auch schwach, zeichnet sich seit September beim beschäftigungsintensiven Tourismus ab, der nach der Revolution eingebrochen war.

Belastend für die tunesische Wirtschaft waren außerdem die kriegerischen Auseinandersetzungen in Libyen. Libyen ist ein wichtiger Handelspartner, Investor und Arbeitgeber für Tunesien. Im Falle einer weiteren Stabilisierung der Lage in Libyen gibt es Anlass zur Hoffnung. Tunesien hat während der libyschen Revolution rund 900.000 Flüchtlinge aus Libyen aufgenommen und rechnet daher mit einer besonderen Berücksichtigung beim Wiederaufbau des Landes. Libysche Stellen haben dies schon zugesichert. Deswegen stehen Arbeitnehmer und tunesische Unternehmen in den Startlöchern.

Ohne schnelle Maßnahmen für die Minderung der Arbeitslosigkeit und der regionalen Gegensätze ist aber weiterhin mit sozialen Konflikten zu rechnen, die den Transformationsprozess verlangsamen könnten. Insgesamt stehen die wirtschaftlichen Entwicklungschancen des Landes aber gut. Das kleine Mittelmeerland wird auch aus wirtschaftlicher Perspektive an Attraktivität hinzugewinnen, sobald sich Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit endgültig durch setzen.
Als Pluspunkte gelten der im regionalen Vergleich hohe Industrialisierungsgrad und die trotz erfolgter oder abzeichnender Lohnsteigerungen immer noch sehr günstigen Produktionsbedingungen. Neben der Kfz-Zulieferung profitiert konnte vor allem Elektroindustrie in Tunesien expandieren. Es gibt zudem rund 1.800 Unternehmen aus dem Bereich IT und Telekommunikation, die mehr als 17.500 Menschen beschäftigen. In acht Zentren bearbeiten Unternehmen Dienstleistungsaufträge unter anderem für eine Reihe multinationaler Unternehmen. An Fachkräften für die Branche fehlt es nicht.

Im Global Competitive Report schneidet Tunesien mit dem weltweit siebten Platz besonders gut bei der Verfügbarkeit von Ingenieuren ab. Nicht zuletzt hat sich Tunesien trotz seiner nur 10,5 Mio. Einwohner zu einem regional bedeutenden Gesundheitsmarkt entwickelt. Innerhalb von 20 Jahren wuchs die Zahl der Privatkliniken von 21 auf 117.

Inflationsrate erhöht sich um 4,5% im Oktober

Nach Berechnungen des Tunesischen Amtes für Statistik haben sich die Ausgaben für die Haushalte im Oktober 2011 um 4,5 % im Vergleich zum Oktober 2010 erhöht. Dies sind auch 1,1 % mehr als im September 2011 und markiert somit die bisher größte Zunahme in diesem Jahr. Auslöser sind vor allem die gestiegenen Preise für Nahrungsmitteln und Tabakwaren, aber auch deutliche Preissteigerungen für Textilien sowie im Bereich Bildung. 

Zurück