Wirtschaftsnachrichten

Tourismus: Einnahmen in den ersten drei Monaten halbiert

Die Einnahmen, die das nordafrikanische Land aus dem Tourismus bezieht, haben sich in den Monaten Januar bis März 2011 im Vergleich zum Vorjahr annähernd halbiert. War der Tourismus, dessen Anteil am BIP auf 6,5% zu beziffern war, bislang eine wichtiges Stütze der tunesischen Wirtschaft, gingen in den letzten Monaten an die 20.000 Arbeitsplätze in dem Sektor verloren. Insgesamt 60 Hotels mussten aufgrund der fehlenden Urlauber bereits schließen. Neben dem Ausbleiben der Touristen aus Europa (- 51,5%) bekommt der Sektor vor allem den Rückgang der Urlauber aus Libyen (- 57%) sehr stark zu spüren. Gut 20% der Landesbevölkerung leben nach Angaben des tunesischen Tourismusministeriums vom Tourismus. Ein langfristiger Rückgang in dieser Branche hätte für den Arbeitsmarkt dramatische Folgen.

Politik / Umfrage: Bevölkerung nur wenig mit der neuen Parteienlandschaft vertraut / Unentschlossenheit

Bekannteste Partei in Tunesien ist aktuell Ennahdha - so eine Umfrage, die das Institut «3C Etudes» im Juni 2011 durchgeführt hat. Mehr als 71% der Befragten war diese Partei in einer offen geführten Umfrage bekannt. Deutlich seltener wurde folgende Parteien von den Befragten genannt: PDP (25%), Ettajdid (12,5%), PCOT (12,3%), Al Watan (6,3%), Ettakattol -FDTL (6,2%) MDS (6,0%), Al Majd (3,9%) und Congrès pour la République (3,3%).

Auch auf die Frage nach der Bekanntheit der Parteivorsitzenden entfielen die meisten Nennungen (57%) auf den Vorsitzenden der Ennahdha, Rachid Ghannouchi – gefolgt von Ahmed Nejib Chebbi (33%), Hamma Hammami (21%), Ahmed Brahim (16%), Moncef Marzouki (14%), Mustapha Ben Jaafar (6,3%), Maya Jribi (6,3) und Ahmed Inoubli (4%).

Nach Angaben des Instituts wurden in der Umfrage „offen“ nach bekannten Parteien gefragt und zusätzlich anhand von Parteiauflistungen die passive Bekanntheit der Parteien untersucht. Auch in der Auswertung beider Befragungsschemata war die Partei Ennahdha mit Abstand die bekannteste Partei im Lande, gefolgt von PDP; Ettajdid, PCOT, Al Watan, Ettakattol-FDTL und Al Majd.

13% der Befragten vermerkten, keine Partei zu kennen – selbst nach Vorlage der entsprechenden Auflistungen. Insgesamt 76% der Befragten gaben an, noch unentschieden zu sein, welcher Partei sie bei der Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung am 23. Oktober 2011 Ihre Stimme geben würden.

Die Umfrage bestätigt die Ergebnisse von anderen Umfrageinstituten und die Analysen politischer Beobachter. Hiernach hätten viele Tunesier aktuell sogar noch nicht entschieden, ob sie überhaupt zur Wahl gehen werden.

Wirtschaftsklima: Umfrage der AHK Tunis zur Lage der deutschen Unternehmen in Tunesien

Die AHK Tunis hat die Ergebnisse Ihrer Umfrage zur Lage und zu den Perspektiven deutscher Unternehmen in Tunesien 2010/2011 veröffentlicht. Insgesamt 105 Exportunternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung wurden eingeladen, eine Einschätzung der aktuellen wirtschaftlichen Situation deutscher Exportunternehmen in Tunesien zu geben. 60% der angefragten Unternehmen nahmen an der Umfrage teil.

Nach Angaben der AHK Tunis wird die postrevolutionäre Entwicklung von den Unternehmen mehrheitlich positiv eingeschätzt, rund die Hälfte der befragten Exportunternehmen (44 %) erwartet eine Steigerung des Exportumsatzes. 26 % rechnen damit, dass der Exportumsatz unverändert bleiben wird, und nur 24 % erwarten eine Verringerung.

Als wichtiger Standortvorteil wird von den befragten Exportunternehmen die geographische Nähe zu Europa sowie Steuervorteile beschrieben. Daneben werden zunehmend wettbewerbsfähige Produktionskosten genannt. Eine Mangel an Fachpersonal und die zum Teil starre Verwaltung werden häufig als Nachteile des Standorts genannt.

Hauptbedürfnis ist für viele Unternehmen heute die Wiederherstellung der politischen und sozialen Stabilität im Lande, wobei positiv zu erwähnen ist, dass viele Unternehmen, vor allem aus der Bekleidungsbranche, das Engagement und den Einsatz ihrer Angestellten loben. Die Hälfte der befragten Unternehmen äußerte, dass es nach den tiefgreifenden Umwälzungen zu Jahresbeginn keinerlei Gehaltsforderungen des Personals gab. An ungefähr ein Drittel der der befragten Unternehmen wurde der Wunsch nach Lohnerhöhung oder unbefristeten Arbeitsverträgen herangetragen. Eine ausführliche Darstellung der Auswertung finden Sie der Internetseite der AHK Tunis unter Publikationen.

Arbeitsmarkt: neue Arbeitsplätze trotz schwieriger Wirtschaftslage

Die tunesische Regierung hatte im März die Schaffung von mehr als 24.000 neuen Arbeitsplätzen in Aussicht gestellt. Nach Angaben des Ministère de Formation professionelle et de l’emploi konnten bislang 11.723 Stellen bereitgestellt werden. Trotz der schlechteren Konjunktur im laufenden Jahr wurden somit deutlich mehr neue Stellen geschaffen als im Gesamtjahr 2010 (9.365). Ein Großteil der neuen Arbeitsplätze sei im Bereich der staatlichen Verwaltung entstanden. Daneben werden auch Staatsbetriebe - wie die Groupe Chimique Tunisien (GCT), die Société tunisienne de l'électricité et du Gaz (STEG), die Société nationale de distribution des eaux, die Société nationale des chemins de fer (SNCF), Tunisie autoroute, Cellulose Kasserine, die Compagnie de phosphate Gafsa (CPG) und die Cimenterie Oum El Klil - neue Stellen schaffen.

Wirtschaft: Direktinvestitionen entwickeln sich positiver als erwartet

Nach Angaben der tunesischen Agentur für Außenwirtschaftsförderung – FIPA - beliefen sich die ausländischen Direktinvestitionen im ersten Semester 2011 auf umgerechnet € 390,6 Mio., was einem Rückgang von 17,2 % gegenüber den Werten aus dem Vergleichszeitraum 2010 (€ 471,8 Mio.) entspricht. Gemessen an den deutlich schlechteren Zahlen zu Jahresbeginn (- 25 %) kann jedoch von einer relativen Erholung gesprochen werden.

Die genauere Betrachtung zeigt, dass vor allem die verarbeitende Industrie und die Energiewirtschaft Zielsektoren für die Investitionen waren. Obwohl die Investitionen in Ihrem Gesamtvolumen in 2011 rückläufig waren, wuchs ihr Beitrag an der Schaffung neuer Arbeitsplätze um 3,3 %.

Ingesamt 85 neue Unternehmen mit ausländischer Beteiligung entstanden in den ersten sechs Monaten 2011 in Tunesien. 112 Unternehmen mit ausländischer Beteiligung, die bereits in Tunesien angesiedelt waren, erweiterten zudem ihre Aktivitäten. 6128 neue Arbeitsplätze, davon 5470 in der verarbeitenden Industrie, konnten im Bebachtungszeitraum neu geschaffen werden (siehe oben).

Finanzen: Erhöhung des staatlichen Budgets um 11%

Die tunesische Nachrichtenagentur TAP kündigt eine deutliche Erhöhung des staatlichen Budgets für 2011 an. Im Vergleich zum Budget, welches noch unter der Regierung von Ex-Präsident Ben Ali im Dezember 2010 verabschiedet wurde, sieht die aktuelle Vorlage eine Erhöhung um umgerechnet € 1,082 Mrd. (11%) vor. Das staatliche Budget für das aktuelle Jahr werde sich somit auf umgerechnet € 10,8 Mrd. belaufen.

Transportminister kündigt Vorhaben an

Seit seiner Ernennung zum Minister für Transport und Infrastruktur war Yassine Ibrahim sehr aktiv in der tunesischen Übergangsregierung. Bis April 2011 hat er mehr als zwölf Regionen besucht mit dem Ziel, laufende und neue Infrastrukturprojekte im Straßen- und Hafenbau sowie im Schienenverkehr anzustoßen. Vor allem die benachteiligten Regionen werden zum Zug kommen, so der Minister. 

Für die Instandsetzung und den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur veranschlagt der tunesische Minister für das Jahr 2011 rund 500 Mio. Euro. Rund 70% der Ausgaben sind für die benachteiligten Regionen im Süden und Westen des Landes geplant. Der Rest geht an die stark urbanisierten Küstenregionen.

Der tunesische Minister versucht mit seinem, von internationalen Gebern gestützten, Investitionsprogramm zu realisieren, was im alten Regime weitgehend Rhetorik geblieben war: die verbesserte Anbindung der Regionen im Süden und Westen Tunesiens. Durch den neuen Schwerpunkt werden zum einen direkte Arbeitsplätze im Bausektor geschaffen. Zum anderen gehe es darum die Industrieansiedlung im Landesinneren zu stärken, so Ibrahim.

Im Bereich des Straßennetzes ist die Instandsetzung von 1.760 km sowie der Neubau von 500 km vorgesehen. Neben Investitionen in den regionalen Fernverkehr sind der Bau zweier neuer Quais im Hafen im Radès (Tunis) geplant. Daneben werde es Investitionen in die Häfen Sousse und Sfax geben. Bislang hat man auf diese kleineren, aber wichtigen Projekte verzichtet, weil die Regierung unter dem gestürzten Präsidenten Ben Ali einen neuen Tiefseehafen in Enfidha rund 100 km südlich von Tunis bauen wollte. Hier gab es aber in den letzten Jahren Verzögerungen, weil die Verhandlungen mit möglichen Hafenbetreibern ins Stocken geraten waren.

Ob der Tiefseehafen Enfidha noch gebaut wird, ist nicht abzusehen. Eine Entscheidung zu dem Megaprojekt wird die Übergangsregierung nicht fällen, sondern diese - aus nachvollziehbaren Gründen - der zukünftigen, demokratisch gewählten Regierung überlassen. Aus dem gleichen Grund ist der Bau eines Schnellbahnnetzes für Tunesien weiterhin offen. In der Durchführung ist hingegen die Modernisierung einer rund 230 km langen Bahnstrecke von Tunis - Kalâa Khesba im Governorat Kef. Auch ist eine Machbarkeitsstudie der Bahnlinie von 130 km von Enfidha über Kairouan nach Hajeb El Ayoun im Gange.

Im kommenden Jahr 2012 sind Entscheidungen, wie sich Tunesien logistisch künftig aufstellt, zu erwarten. Dies ist auch von hoher Bedeutung, denn das Mittelmeerland weist bei den Exporten nach Europa eine Reihe von Wettbewerbsvorteilen auf, wie die im regionalen Vergleich hohe Produktivität. Dabei fehlt es Tunesien nicht unbedingt an Verkehrsanbindungen zu den Industriegebieten. Vielmehr braucht das Land moderne Logistik-Zentren für den Warenumschlag, um Leerfahrten zu reduzieren. Die Transportkosten sind auch zum Teil zu hoch.

Gegenwärtig arbeiten Spezialisten der Weltbank an einem Logistik-Konzept für das nordafrikanische Land.

Eisenbahn: SNCFT investiert umgerechnet € 80 Mio. in den Ausbau der Strecke Tunis-Kasserine

Die Société Nationale des Chemins de Fer Tunisiens (SNCFT) gab Mitte Mai 2011 bekannt, umgerechnet € 80. Mio. in die Modernisierung des Streckenabschnitts Tunis – Kasserine investieren zu wollen. Nach Aussagen der SNCFT soll die Arbeiten neben einer grundsätzlichen Materialerneuerung und der Errichtung neuer Bahnübergänge auch eine komplette Schienenerneuerung auf 135 der insgesamt 317 km beinhalten.

Die SNCFT prüft ferner aktuell die Errichtung einer neuen Streckenverbindung von Kasserine nach Enfidha via Kairouan.

Außenwirtschaft: Tunesische Exporte nach Libyen brechen dramatisch ein

Die tunesische Wirtschaft bekommt die Folgen der Kriegshandlungen in Libyen immer stärker zu spüren. Um insgesamt 32% sanken die tunesischen Exporte in das Nachbarland im ersten Quartal 2011. Libyen ist für Tunesien der fünfwichtigste Handelspartner insgesamt und der wichtigste Lieferant und Kunde außerhalb Europas. In den ersten drei Monaten diesen Jahres fielen die Exporte von umgerechnet annähernd € 238 Mio. auf € 162 Mio.

Neben dem Warenaustausch ist auch der Dienstleistungssektor im besonderen Maße von der Situation betroffen. Sowohl die Privatkliniken, deren Patienten im vergangenen Jahr zu bis zu 70% aus Libyen kamen, wie auch die Akteure im Tourismussektor leiden unter dem Ausbleibe der Kunden aus dem Nachbarland. Ein Fünftel aller Personen, die im vergangen Jahr in Tunesien Urlaub machten, kam aus Libyen.

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